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Leserbrief
Schweiz
11.02.2026
11.02.2026 16:53 Uhr

«Polemik gegen SRG statt Analyse»

Polemisch statt sachlich: Leserin und Ex-SRF-Mitarbeiterin Roswitha Gassmann (1.v.l.) kritisiert Dr. Philipp Guts Kolumne zur SRG-Halbierungsinitiative.
Polemisch statt sachlich: Leserin und Ex-SRF-Mitarbeiterin Roswitha Gassmann (1.v.l.) kritisiert Dr. Philipp Guts Kolumne zur SRG-Halbierungsinitiative. Bild: zVg/Portal24/Archiv (Collage Portal24)
Die ehemalige SRF-Mitarbeiterin Roswitha Gassmann widerspricht Kolumnist Dr. Philipp Guts Darstellung zur SRG-Halbierungsinitiative und sagt, was bei einem Ja auf dem Spiel steht.

Roswitha Gassmann schreibt:

«Mit grosser Bestürzung habe ich die Kolumne von Dr. Philipp Gut gelesen. Was als Analyse daherkommt, ist in Wahrheit eine polemische Breitseite gegen die SRG. Eine sachliche Auseinandersetzung sieht anders aus – und genau deshalb möchte ich widersprechen.

‹Weltrekord› bei den Gebühren?

Dieses Schlagwort wird gern in den Raum gestellt. Doch wer ehrlich vergleichen will, muss Kaufkraft, Bevölkerungszahl und Leistungsauftrag berücksichtigen. Deutschland erhebt rund 220 Euro pro Jahr – bei einer Bevölkerung, die zehnmal so gross ist wie jene der Schweiz, und mit einem einsprachigen Produktionsauftrag. ARD und ZDF verfügen so über rund zehn Milliarden Euro jährlich. Auch Österreich produziert im Wesentlichen in einer Sprache und hat über eine Milliarde Euro Budget.

Und die SRG? Sie produziert mit rund 1,5 Milliarden Franken Programme für ein viersprachiges Land. Wer hier von ‹Weltrekord› spricht, blendet Entscheidendes aus.

‹Die SRG schwimmt im Geld›?

Die SRG produziert in Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch – und mit Swissinfo zusätzlich in weiteren Sprachen für die Auslandschweizerinnen und -schweizer. Dieses Angebot ist kein Luxus, sondern Ausdruck unserer Realität: Wir sind ein kleines, vielfältiges Land. Vielfalt kostet – aber sie ist Teil unseres Selbstverständnisses.

Vorwurf der Gier

Von ‹unersättlicher Gier› zu sprechen, ist nicht nur überzogen, sondern unfair. Dass Unternehmen Medienabgaben zahlen, wird skandalisiert – verschwiegen wird hingegen, dass diese Beiträge gemäss Gegenvorschlag weitgehend abgeschafft werden sollen. Zudem zahlen nur umsatzstarke Unternehmen nennenswerte Beträge. Hier wird Empörung erzeugt, wo Differenzierung nötig wäre.

Werbegelder und Realität

Die Behauptung, die SRG nehme Privaten das Geld weg, greift zu kurz. Tatsache ist: Rund zwei Milliarden Franken Werbegelder fliessen jedes Jahr zu internationalen Tech-Giganten wie Facebook oder YouTube ins Ausland ab. Dieses Geld kommt nicht zurück – auch dann nicht, wenn man die SRG halbiert. Wer hier einfache Schuldzuweisungen verteilt, verkennt die eigentlichen Marktverschiebungen.

Unabhängige Medien – aber welche?

Ja, die Schweiz braucht unabhängige Medien. Aber wollen wir ernsthaft so tun, als gäbe es keine wirtschaftlichen oder politischen Interessen im privaten Medienbereich? Die SRG untersteht klaren publizistischen Leitlinien. Eine Untersuchung der Universität Zürich zeigt zudem, dass die immer wieder behauptete systematische Linkslastigkeit empirisch nicht haltbar ist. Auch das gehört zur Wahrheit. (Siehe Statistik am Ende des Leserbriefs).

Kultur ist kein «Blödsinn»

Ein öffentlicher Sender darf sich nicht allein an Klickzahlen messen lassen. Dank dem Pacte de l’audiovisuel konnten 2024 Hunderte Musikproduktionen sowie fast 200 Filme, Serien und Dokumentationen realisiert werden. Die SRG ist die wichtigste Investorin in Schweizer Kultur. Eine Halbierung der Gebühren würde diese Förderung massiv treffen. Wollen wir ernsthaft riskieren, dass Schweizer Film und Musik verstummen – für 100 Franken Ersparnis pro Jahr?

Nationaler Zusammenhalt ist kein Märchen

Die Schweiz ist kein zentralistischer Einheitsstaat. Sie lebt von ihrer sprachlichen und kulturellen Vielfalt. 73 Prozent der Gebühren werden in der Deutschschweiz erhoben, doch nur 44 Prozent bleiben dort. Der Rest fliesst solidarisch in die Romandie (an die RTS), ins Tessin (RSI) und in die rätoromanische Schweiz (RTR). Das ist gelebter Zusammenhalt. Auf einem freien Markt wären diese Angebote nicht finanzierbar.

Wenn die Initiative angenommen wird, werden Sendungen verschwinden. Wir würden Inhalte aus dem Ausland beziehen – Inhalte, die sich nicht für Schweizer Themen interessieren. Wollen wir die Berichterstattung über unser eigenes Land wirklich ausdünnen?

Sport für alle – oder nur für Abonnenten?

Viele Sportarten würden aus dem frei empfangbaren Programm verschwinden. Fussball, Eishockey oder Formel 1? Wahrscheinlich nur noch im Pay-TV. Sport würde zum Luxusgut. Ist das die Vorstellung von medialer Grundversorgung?

Die Zahlen sprechen ebenfalls eine klare Sprache:

Mehr als 300 Franken pro Haushalt werden es ohnehin nicht mehr sein – das sind 82 Rappen pro Tag. Nicht pro Person, sondern pro Haushalt. Ergänzungsleistungsbeziehende sind befreit. Private Medien erhalten bereits heute einen fixen Anteil der Gebühren (sechs Prozent), dieser soll sogar auf acht Prozent erhöht werden.

Zudem vergibt die SRG jährlich Aufträge in der Höhe von 680 Millionen Franken an Dritte. Das schafft Wertschöpfung von über 800 Millionen Franken und sichert Tausende Arbeitsplätze. Verschiedene Schätzungen gehen davon aus, dass die SRG bei einer Annahme der Initiative rund 3'000 Personen entlassen müsste, aber eine Analyse von BAK Economics im Auftrag des Bundesamts für Kommunikation (Bakom) prognostiziert, dass insgesamt mehr als 6'000 Jobs gefährdet wären, wenn man Zulieferer und die Medienbranche im Umfeld der SRG mit einbezieht.

Und am Ende bleibt die entscheidende Frage:

Wollen wir eine vielfältige, eigenständige Medienlandschaft – oder eine zunehmend ausgedünnte, von internationalen Konzernen dominierte Öffentlichkeit? Wollen wir eine informierte demokratische Debatte – oder zugespitzte Empörung nach dem Vorbild amerikanischer Polarisierung?

Für 100 Franken im Jahr steht viel mehr auf dem Spiel, als es auf den ersten Blick scheint.

Darum sage ich klar:
Halbierungsinitiative – NEIN.»

Roswitha Gassmann, ex-SRF Media Relations, pensioniert
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