Home Region Sport Schweiz/Ausland Rubriken Agenda
Kaltbrunn
04.06.2026
06.06.2026 14:14 Uhr

Seltenes Tätschdachhaus saniert

Das denkmalgeschützte Wohnhaus auf der Kirchhalde ist Kaltbrunns letzter gut erhaltener Vertreter eines Tätschdachhauses.
Das denkmalgeschützte Wohnhaus auf der Kirchhalde ist Kaltbrunns letzter gut erhaltener Vertreter eines Tätschdachhauses. Bild: Andy Crestani
Mit der Teilsanierung des Wohnhauses Kirchhalden 336 bleibt eines der ältesten Bauerngebäude Kaltbrunns erhalten, ergänzt durch gezielte energetische und technische Verbesserungen.

Das ehemalige Bauernwohnhaus Kirchhalden 336 steht an aussichtsreicher Lage auf der Kirchhalde in Kaltbrunn, etwas unterhalb des Hofs Oberkirch. Es handelt sich um ein sogenanntes «Tätschdachhaus», einen Strickbau mit schwach geneigtem Satteldach, dessen Ursprünge bis ins 16. beziehungsweise 17. Jahrhundert zurückreichen. Dieser Bautyp gehört zu den älteren Hausformen der Region und war vor allem in voralpinen Gebieten verbreitet.

Das heutige Erscheinungsbild des Gebäudes ist wesentlich vom 19. Jahrhundert geprägt. Gemäss Beobachtungen des Kunsthistorikers und Pioniers der St.Galler Denkmalpflege Bernhard Anderes wurde in dieser Zeit vermutlich das Hinterhaus angebaut. Gleichzeitig kam es wohl zu einer Vergrösserung der Fensteröffnungen sowie zur Schindelung der Fassaden. Das Wohnhaus präsentiert sich als zweigeschossiger Strickbau mit verschalten Seitenlauben über einem gemauerten Sockelgeschoss. Charakteristisch sind zudem die kräftig vorstossenden Pfetten, auf denen das Dach aufliegt.

Die Fassaden sind mit einem Holzschindelschirm versehen, der nach einem Hagelschaden im Jahr 1983 erneuert wurde. Weitere bauliche Details gehen auf Renovationsmassnahmen der 1970er-Jahre zurück. In dieser Zeit wurden unter anderem die bestehenden Jalousieläden durch Vollläden ersetzt, die Vorfenster entfernt und die Hauptfenster durch Doppelverglasungsfenster ausgetauscht.

Ein Holzschindelschirm prägt die Aussenfassade des Strickbaus, dessen Hauptgebäude bis ins Jahr 1694 zurückreicht. Bild: Andy Crestani

Ein seltenes Zeugnis bäuerlicher Baukultur

Seit 1992 gehört das Gebäude der Georg-Steiner-Stiftung. Deren Ziel ist es, das Grundstück Nr. 219 vor Überbauung und Übernutzung zu schützen und nach ökologischen sowie naturschützerischen Grundsätzen zu bewirtschaften. In den ersten Jahren stand vor allem der Unterhalt des Wohnhauses im Vordergrund. 2013/2014 wurde der östlich gelegene ehemalige Stall, der möglicherweise ursprünglich zum Wohnhaus gehörte, zu einem Schau- und Lehrbienenstand umgebaut.

Kirchhalden 336 besitzt eine hohe bautypologische Bedeutung. Es handelt sich um den letzten gut erhaltenen Vertreter eines Tätschdachhauses in Kaltbrunn. Vergleichbare Bauten sind heute meist stark verändert oder nur noch in Fragmenten erhalten, wie etwa das Thuoten-Haus in Fischhausen. Zusammen mit den Gebäuden an der Gasterstrasse 36, 39 und 88 zählt das Haus zu den ältesten Bauernhäusern der Gemeinde. Die erhöhte Lage auf der Anhöhe verleiht dem Gebäude zudem eine besondere landschaftliche und ortsbildprägende Qualität.

Die Instandsetzung erfolgte behutsam unter Einbindung der Denkmalpflege. Historische Bausubstanz, Raum- und Materiallogik blieben dabei bewahrt. Bild: Andy Crestani

Erhalten, ergänzen und zeitgemäss erneuern

Im Rahmen einer Teilsanierung wurde das denkmalgeschützte Wohnhaus Kirchhalden 336 behutsam und in enger Zusammenarbeit mit der kantonalen Denkmalpflege instandgesetzt und für eine zukünftige Nutzung vorbereitet. Ziel war es, die historische Bausubstanz sowie die für den Strickbau typische Raum- und Materiallogik zu bewahren und gleichzeitig gezielte energetische und technische Verbesserungen umzusetzen. Um das Gelingen eines solchen Vorhabens zu sichern, ist ein grosses bauhistorisches Bewusstsein von Seiten der Bauherrschaft unabdingbar, aufgrund dessen der Kontakt zur Denkmalpflege sehr früh gesucht wurde.

«Pflegen und Schützen kann man jedoch nur, was man kennt.» Getreu nach diesem Leitsatz von Bernhard Anderes braucht es als Grundlage jedes Eingriffs eine fundierte Bauforschung. Für eine bauhistorische Einschätzung inkl. dendrochronologischer Beprobung (Datierung von Hölzern anhand ihrer Jahrringstruktur) wurde zu Beginn der Archäologe und Bauforscher Mathias Seifert beigezogen.

Einer der Räume im sanierten Wohnhaus. Bild: Andy Crestani

Die innere Gestaltung orientiert sich an der historischen Hierarchie der Räume. Die bestehende Kammerung bleibt erhalten. Die Stube mit ihrem gestemmten Täfer bleibt der repräsentativste Raum des Hauses; auch das grobteilige Täfer der Nebenstube wurde bewahrt. Die südlichen Schlafkammern im Obergeschoss erhielten eine schlichte, glatte Holzverkleidung, während im nördlichen Zimmer sowie in der Dachkammer der sichtbare Strickbau erhalten bleibt. Bestehende Bretterböden wurden, wo immer möglich, bewahrt und fehlende Bodenbeläge durch neue Dielen ergänzt.

Grundsätzlich folgt die Sanierung dem Prinzip: Bestehendes wird erhalten, wo nötig ergänzt und dort, wo etwas fehlt, in der Logik der Baugeschichte weitergeführt.

Verbindung von historischer und neuer Bausubstanz. Bild: Andy Crestani

Energetisch erfolgt die Verbesserung gezielt und zurückhaltend. Gedämmt wurden die Decke gegen den unbeheizten Estrich sowie die Balkenlagen gegen Keller und Technikraum. Der neu verschalte Fassadenbereich des angebauten Gebäudeteils wurde aussen gedämmt; dabei wird die bestehende, untypische Schalung am Anbau und an den Lauben durch eine passende Boden-Deckelschalung ersetzt. Im historischen Hauptbau von 1694 wurden ausgewählte Aussenwände in enger Abstimmung mit der Denkmalpflege von innen saniert und gedämmt. Auch die südlichen Zimmer mit neuer Täfelung erhielten eine Innendämmung. Der Dämmperimeter wird über der Decke des Obergeschosses geführt, sodass im Dachgeschoss die historische Riegel- und Dachkonstruktion sichtbar bleibt.

Auch die Fenster wurden nach Vorgaben der Denkmalpflege erneuert. Bild: Andy Crestani

Die Fenster wurden gemäss den Vorgaben der Denkmalpflege erneuert. Gleichzeitig wurde die gesamte Gebäudetechnik modernisiert. Die bestehende Gasheizung und der Elektroboiler wurden durch eine CO₂-neutrale Luft/Wasser-Wärmepumpe ersetzt, die auf der Nordseite neben der Garage aufgestellt und dezent verkleidet wurde.

Raum mit historischer Decke und neuem Bretterboden. Bild: Andy Crestani

Mit der Sanierung wurde ein bedeutendes kulturhistorisches Bauwerk nicht nur erhalten, sondern sorgfältig und verantwortungsvoll in die Zukunft geführt – als wertvolles Zeugnis der regionalen Baugeschichte und als prägender Bestandteil der Kulturlandschaft von Kaltbrunn.

Für die Sanierungsarbeiten wurde bewusst auf Know-how lokaler Firmen gesetzt. Bild: Andy Crestani (Collage Linth24)

Sanierungsarbeiten wurden in Region vergeben

Bei der Sanierung des unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes setzte man bewusst auf das Know-how der lokal ansässigen Fachbetriebe JUD ENERGIE AG (Energieberatung, Gesamtprojektleitung, Bauleitung) und Romer Holzbau AG (Zimmerei- und Innenausbauarbeiten) in Benken. Durch die Beauftragung regionaler Unternehmen kann auf Erfahrung im Umgang mit traditioneller Handwerkskunst und historischer Bausubstanz zurückgegriffen werden. Gleichzeitig verbinden die ausführenden Firmen bewährte Arbeitsweisen mit heutigen Anforderungen an Qualität, Nachhaltigkeit und Präzision. Der gezielte Einbezug lokaler Fachbetriebe trägt nicht nur einem sensiblen Umgang mit dem Ortsbild Rechnung, sondern stärkt auch die regionale Wertschöpfung nachhaltig.

An der Konzeption, der gestalterischen Umsetzung sowie der Ausführungsplanung war zudem der Architekt Martin Deuber massgeblich beteiligt und trug als Schlüsselfigur wesentlich zum Erfolg des Projekts bei.

PD / Redaktion Linth24
Demnächst