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13.05.2026
13.05.2026 17:50 Uhr

Riss in Recycling-Vorzeigemodell

Die Trittbrettfahrer verkaufen die Ware ohne Beitrag, überlassen die Entsorgungskosten aber dem solidarisch finanzierten Kollektiv.
Die Trittbrettfahrer verkaufen die Ware ohne Beitrag, überlassen die Entsorgungskosten aber dem solidarisch finanzierten Kollektiv. Bild: SENS eRecycling.
Das Schweizer Rücknahmesystem für Elektrogeräte gilt als Goldstandard. Doch immer mehr Firmen entziehen sich der Finanzierung – zulasten von Umwelt und fairem Wettbewerb.

Die Zahlen sind alarmierend: Über 100 Unternehmen, vom kleinen Einzelbetrieb bis zum etablierten stationären Händler, unterlaufen derzeit gezielt das bewährte Recyclingsystem für Elektrogeräte in der Schweiz. Ihr Trick ist so simpel wie effektiv: Sie verzichten beim Verkauf ihrer Geräte auf die Erhebung des sogenannten vorgezogenen Recyclingbeitrags (vRB). Damit senken sie ihre Preise künstlich und verschaffen sich einen direkten Wettbewerbsvorteil gegenüber ehrlichen Mitbewerbern.

Das Loch in der Kreislaufwirtschaft

Seit über 35 Jahren sorgt die Branchenorganisation SENS eRecycling dafür, dass Toaster, Waschmaschinen und Laptops fachgerecht entsorgt und wertvolle Rohstoffe zurückgewonnen werden. Das System basiert auf einem solidarischen Prinzip: Wer ein Gerät verkauft, zieht den vRB ein und finanziert damit die spätere Entsorgung mit.

«Das Modell funktioniert nur, wenn sich alle Marktteilnehmer beteiligen», betont Pasqual Zopp, Geschäftsführer von SENS eRecycling. Doch genau diese Solidarität wird nun von den «Trittbrettfahrern» mit Füssen getreten. Das Ergebnis: In der Kasse der SENS klafft jährlich ein Loch in Millionenhöhe.

Die Mär von der kostenlosen Rücknahme

Die Firmen, die sich dem System entziehen, rechtfertigen ihr Handeln oft damit, dass sie Altgeräte in ihren Läden ja kostenlos zurücknehmen würden. Doch Pasqual Zopp entlarvt dieses Argument als Vorwand:

«Die Realität ist, dass nur eine Minderheit der Elektrogeräte via Verkaufsstellen ins Recycling gelangt. Wir schätzen, dass bis zu 90 Prozent der Geräte bei SENS-Sammelstellen landen.»
Pasqual Zopp, Geschäftsführer von SENS eRecycling.

Das bedeutet im Klartext: Die Trittbrettfahrer verkaufen die Ware ohne Beitrag, überlassen die Entsorgungskosten aber dem solidarisch finanzierten Kollektiv. Jährlich landen so zigtausend Geräte in den Sammelstellen, für deren Recycling nie gezahlt wurde.

Gesetzgeber unter Zugzwang

Angesichts dieser Entwicklung fordert SENS eRecycling nun faire Rahmenbedingungen. Es könne nicht sein, dass Online-Plattformen und bewusst abseitsstehende Händler die Infrastruktur nutzen, ohne sich an den Kosten zu beteiligen.

Zwar hat der Bund das Problem erkannt und plant im Zuge der Revision des Umweltschutzgesetzes (USG) schärfere Regeln. Doch SENS-Chef Zopp sieht die aktuelle Ausarbeitung kritisch: Anstatt nur die Lücken für Trittbrettfahrer zu schliessen, drohe der Staat, bewährte privatwirtschaftliche Strukturen durch übermässige Regulierung zu schwächen.

Das Fazit ist klar: Damit die Schweiz weiterhin Weltmeister im Recycling bleibt, braucht es keine bürokratischen Hürden, sondern eine Schliessung der Gesetzeslücke, die alle Importeure und Händler – egal ob online oder stationär – gleiches Recht und gleiche Pflichten auferlegt. Fairness darf in der Kreislaufwirtschaft kein optionales Extra sein.

Schaffhausen24, Originalmeldung SENS eRecycling / Redaktion Linth24
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