Am 1. Mai 2026 wird die nationale Opferhilfe-Nummer 142 eingeführt. Damit wird eine zentrale Forderung der Istanbul-Konvention erfüllt, des Übereinkommens des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt, das in der Schweiz seit 2018 in Kraft ist.
Kostenlos und 24 Stunden
Die Opferhilfe-Nummer 142 richtet sich an Personen, die physische, psychische oder sexuelle Gewalt im privaten oder öffentlichen Raum erlebt haben.
Sie ist kostenlos, rund um die Uhr erreichbar, niederschwellig und vertraulich. Auch Angehörige sowie nahestehende Personen von Gewaltopfern können sich beraten lassen.
Das Angebot steht unabhängig davon zur Verfügung, ob eine Strafanzeige erstattet wurde oder ob die Tatperson ermittelt werden konnte. Ebenso spielt es keine Rolle, ob die Straftat vorsätzlich oder fahrlässig begangen wurde.
Im Zentrum steht die Beratung. Die Nummer ersetzt keine Notrufnummern. Bei akuter Gefahr sind weiterhin die Notfallnummern der Polizei (117) oder des Rettungsdiensts (144) zu wählen.
Regionale Lösung für den Kanton St.Gallen
Für die Umsetzung der nationalen Nummer 142 sind die Kantone zuständig. Der Kanton St.Gallen setzt dabei auf eine regionale Lösung. Gemeinsam mit den Kantonen Appenzell Ausserrhoden, Appenzell Innerrhoden, Glarus sowie dem deutschsprachigen Teil von Graubünden wurde eine Zusammenarbeit aufgebaut.
An Werktagen werden die Anrufe tagsüber von den jeweiligen kantonalen Opferhilfestellen entgegengenommen. Dazu gehören die Opferhilfe SG – AR – AI, die Opferberatungsstelle Glarus sowie die Opferhilfe Graubünden. Ausserhalb dieser Zeiten übernimmt die Stiftung Frauenhaus St.Gallen die Anrufe für alle fünf Kantone.
Steigende Polizeiinterventionen und Beratungen
Die Statistik 2025 zur häuslichen Gewalt im Kanton St.Gallen zeigt einen weiterhin steigenden Bedarf an Hilfe und Unterstützung. Die neu eingeführte, rund um die Uhr erreichbare Opferhilfe-Nummer stellt einen wichtigen Baustein dar, um diesem Bedarf zu begegnen.
Im Jahr 2025 stieg die Zahl der polizeilichen Einsätze im häuslichen Bereich erneut an und erreichte insgesamt 2'008 Interventionen. Bei mehr als der Hälfte dieser Einsätze waren Minderjährige involviert, meist im Zusammenhang mit partnerschaftlicher Gewalt zwischen Erwachsenen.
Parallel dazu nahmen mehr gewaltbetroffene Personen die Beratung der Opferhilfe in Anspruch, überwiegend Frauen. Das Frauenhaus verzeichnete weiterhin eine hohe Auslastung. Auch die Angebote der Bewährungshilfe für gewaltausübende Personen, mehrheitlich Männer, wurden vermehrt genutzt.
In der Statistik sind jene Fälle erfasst, in denen Betroffene oder ihr Umfeld Hilfe und Unterstützung in Anspruch genommen haben. Daraus lässt sich jedoch nicht automatisch ableiten, dass die tatsächliche Zahl der Fälle von häuslicher Gewalt zunimmt.
Es ist ebenso möglich, dass Betroffene vermehrt Zugang zu professionellen Hilfsangeboten finden, was zu einem Anstieg in der Statistik führt. Klar bleibt jedoch, dass die grosse Mehrheit der Fälle im Verborgenen bleibt und statistisch nicht erfasst wird.