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Rapperswil-Jona
07.03.2026
09.03.2026 10:14 Uhr

Rappi-Iraner: «Wir haben seit 40 Jahren Krieg»

«Es ist viel schlimmer, wenn die Regierung die eigene Bevölkerung angreift», sagt Sepideh Soofi.
«Es ist viel schlimmer, wenn die Regierung die eigene Bevölkerung angreift», sagt Sepideh Soofi. Bild: Linth24
Sepideh Soofi und Javid betreiben am Rapperswiler Hauptplatz das Restaurant Banoo im Rössli. Sie erhalten dauernd Nachrichten aus dem Iran und hoffen auf ein neues Regime.

Javid und Sepideh Soofi leben in Rapperswil und bewirten die Gäste im bekannten Banoo im Rössli am Hauptplatz mit iranischen Spezialitäten. Sie machen das seit acht Jahren mit grossem Erfolg. Aber neben ihrer Belastung als Wirte machen Sie sich grosse Sorgen um ihre Landsleute im Iran. Die beiden verbindet die grosse Hoffnung, dass das Mullah-Regime fällt und der Sohn des 1979 gestürzten Schahs, Reza Pahlavi, die Führung ihres Heimatlandes übernimmt.

Linth24: Zuerst eine Orientierung: Bezeichnet Ihr Euch als Perser oder Iraner?

Sepideh: Viele von uns sagen bewusst, wir seien «Perser», um unsere kulturellen Wurzeln zu betonen. Persien steht für eine jahrtausendealte Geschichte und Kultur, während der Name Iran heute stark mit der politischen Situation und dem Regime verbunden ist.

Linth24: Im Iran herrscht Krieg. Wie erleben Sie das hier in der Schweiz?

Sepideh: Im Verhältnis zu dem, was unser Volk seit dem Sturz des Schahs in den letzten 47 Jahren unter dem Mullah-Regime erlebt hat, haben wir heute keinen Krieg. Vor zwei Monaten gingen im ganzen Land Menschen auf die Strasse, weil die Preise stark gestiegen sind und viele keine Perspektive mehr hatten. Die Regierung hat diese Proteste brutal niedergeschlagen – mit rund 40’000 getöteten Menschen und etwa 20’000 Menschen, die verschwunden sind. Es ist viel schlimmer, wenn die Regierung die eigene Bevölkerung angreift, als wenn der Krieg von aussen kommt.

Javid: Man kann sagen, es ist ein Krieg zwischen der iranischen Regierung und Israel zusammen mit Amerika. Aber es ist kein Krieg der Menschen. Die Menschen wollen einfach leben, lachen und tanzen. Es ist ein Krieg der Regierung, nicht des Volkes.

Linth24: Habt Ihr trotz dem Krieg Kontakt zu euren Familien im Iran?

Javid: Nur selten. Meine Mutter lebt in Teheran. Wegen der Internetsperre im Iran ist der Kontakt schwierig. Ein Anruf aus der Schweiz in den Iran ist nicht möglich, die Leitung bleibt stumm. Aber meine Mutter hat mich vorgestern angerufen. Nach einer Minute war die Leitung tot. Danach geschah dasselbe wieder.

Linth24: Was hoffen die Menschen im Iran für die Zukunft?

Sepideh: Viele Menschen rufen nach dem Sohn des Schahs, Reza Pahlavi. Viele sehen ihn als Oppositionsführer und haben Vertrauen in ihn. Er selbst sagt aber auch klar: Wenn das Volk ihn nicht will, wird er keine Krone annehmen. Er spricht vor allem davon, dass Iran eines Tages ein demokratisches Land sein soll.

Linth24: Wisst ihr, wie die Menschen in diesen Kriegstagen im Iran leben?

Sepideh: Sie gehen auf die Strasse und treffen sich. Ältere Menschen und Vorsichtige bleiben zuhause, wie Javids Mutter. Die meisten Menschen haben zuhause einen Notvorrat angelegt, weil sie seit langem mit dieser Kriegsgefahr leben.

Linth24: Ist es nicht gefährlich, sich in der Stadt aufzuhalten?

Javid: Die Amerikaner und Israeli geben jeden Morgen bekannt, welche Ziele in der Stadt angegriffen werden. Sie fordern dabei die Menschen auf, die entsprechenden Quartiere zu verlassen. Damit ist das Leben begrenzt gefährlich.

Linth24: Javid, Du schaust oft auf Dein Handy. Empfängst Du Nachrichten aus dem Iran?

Javid: Ja, dauernd, ich bekam schon Hunderte SMS. (Javid zeigt sein Telefon und wischt Bild um Bild durch. Man sieht zerstörte Häuser, und immer wieder Rauchsäulen aufsteigen.) 

Linth24: Javid, Du warst Regisseur und Schauspieler im Iran. Warum bist du gegangen?

Javid: Ich habe ein regionales Theaterfestival organisiert. Als es begann, wurde es von den Behörden gestoppt. Danach bekam ich ein Berufsverbot und durfte nicht mehr berufstätig sein. Später eröffnete ich ein Geschäft, doch dieses wurde von der Regierung zerstört. Ich wurde sogar kurzzeitig festgenommen. Da wusste ich, dass ich gehen muss.

Linth24: Du bist aus dem Land geflogen?

Javid: Nein, das geht nicht. Wenn Du auf den Listen der Regierung als Feind stehst, ist das Wegfliegen aus dem Iran nicht mehr möglich. Ich ging zuerst in die Türkei, dafür braucht man als Iraner kein Visum. Später kam ich mit dem Boot nach Europa. 2008 kam ich schliesslich in die Schweiz.

Linth24: Sepideh, du bist viel früher in die Schweiz gekommen.

Sepideh: Ja, mit meiner Mutter, das war 1990, als ich 15 Jahre alt war. Die Situation im Iran wurde immer schwieriger. Es ging nur noch um die Religion und die Mullahs. Meine Mutter wollte unter diesen Bedingungen nicht mehr in Persien bleiben.

Linth24: Könnt ihr Euch vorstellen, nach diesem Krieg zurück in den Iran, oder, wie ihr es lieber nennt, nach Persien zurückzukehren?

Javid: Ich würde gerne wieder in mein Land zurückkehren. Aber vielleicht nicht sofort. Nach einem politischen Umbruch könnte die Situation zuerst über einige Jahre sehr schwierig werden.

Sepideh: Ich würde sofort zurück in unser Heimatland fliegen. Doch ganz gehen würde ich wohl nicht. Ich würde ein halbes Jahr in Persien und ein halbes Jahr in der Schweiz leben. Beide Länder sind meine Heimat. Nach so vielen Jahren in der Schweiz habe ich zwar Sehnsucht nach dem Iran, aber die Schweiz gehört inzwischen auch zu meinem Leben.»

Videos aus dem Iran

Nachfolgend zwei Videos, welche Javid Gavani aus dem Iran zugestellt erhielt. Sie zeigen Menschen, welche nach dem Tod von Ali Chamenei auf Irans Strassen gefeiert und gejubelt haben.

Xenia Langenauer, Bruno Hug
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