Die Herde auf der Wanderkarte
Benjamin Herzogs Jungvieh verbringt den Sommer auf der Alp Heuboden oberhalb von Finsterwald. Auf rund 17 Hektaren sömmert er eigene Tiere sowie Rinder anderer Betriebe. Damit er sie auf den weitläufigen Weiden schneller findet, testet Herzog GPS-Ohrmarken.
Das System «Tag4Farm» wird von Identitas in der Schweiz eingeführt und steht diesen Sommer erstmals im Praxiseinsatz. Entwickelt wurden die Tags vom australischen Unternehmen CERES TAG. Schweizweit testen derzeit rund 25 Betriebe das System. Identitas hat für die laufende Alpsaison rund 500 Geräte vermietet.
Standortdaten direkt aufs Smartphone
Die Tags erfassen den Standort der Tiere und übermitteln ihn via Satellit. In der Tag4Farm-App sehen Landwirtinnen und Landwirte, wo sich ihre Tiere befinden. Die Geräte sind mit einem kleinen Solarpanel ausgestattet und können zudem auf ungewöhnlich geringe oder erhöhte Aktivität hinweisen.
Empfohlen wird, rund zehn Prozent einer Herde auszurüsten. Jede Marke sendet ihren Standort drei- bis viermal täglich. Durch unterschiedliche Sendezeitpunkte entsteht ein Bild der Herdenbewegungen.
Herzog testet Tag4Farm im Rahmen eines Digitalisierungsprojekts des Landwirtschaftsforums der Unesco Biosphäre Entlebuch. «Meine Motivation war primär die versprochene Arbeitserleichterung», sagt er. Acht Tags hat er für die Saison gemietet. Den Preis von 90 Franken pro Stück findet er allerdings hoch: «Das entspricht fast der Hälfte des Sömmerungsbeitrags.»
Technik mit Kinderkrankheiten
Noch funktioniert das System auf seiner Alp nicht wie erhofft. Herzog erhält derzeit lediglich drei bis vier brauchbare Standortmeldungen pro Tag. «Das muss klar verbessert werden», sagt er. Auch David Feurer von Identitas räumt ein: «Das System hat noch einige Kinderkrankheiten.»
Die Leistung hängt unter anderem von Gelände, Sonneneinstrahlung und Satellitenverbindung ab. Gerade die Schweizer Alpwirtschaft stellt besondere Anforderungen: Das Gelände ist anspruchsvoll, die Herden sind kleiner und freie Sicht auf Satelliten ist nicht immer gegeben.
Nutzen auch für Wandernde
Für Herzog wäre eine zuverlässige Ortung eine willkommene Arbeitserleichterung. Gleichzeitig sieht er Potenzial für das Tierwohl. Künftig könnten die Standortdaten zudem Wandernden helfen. Das Projekt arbeitet dafür mit der Plattform Outdooractive zusammen. Die Idee: Wandernde sollen erkennen können, auf welchen Weiden sich etwa Mutterkuhherden befinden. Dadurch könnten sensible Bereiche umgangen und Konflikte zwischen Mensch und Tier reduziert werden.
Trotz der bisherigen Probleme kann sich Herzog einen weiteren Test vorstellen – allerdings nur zu besseren Konditionen. «Momentan ist der Nutzen zu tief, respektive das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt nicht überein.»
Mehr als nur GPS
Identitas konzentriert sich vorerst darauf, das Geotracking unter Schweizer Bedingungen zu optimieren. Langfristig könnten intelligente Ohrmarken deutlich mehr leisten. International werden bereits Funktionen zur Überwachung von Gesundheit und Fruchtbarkeit angeboten.
«Heutige Ohrmarken würden sogar merken, wenn ein Schaf hinkt», sagt Feurer. Bevor solche Anwendungen auch in der Schweiz genutzt werden können, muss sich die Technologie jedoch zunächst im anspruchsvollen Alpalltag bewähren.