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Kultur
01.05.2026
01.05.2026 20:04 Uhr

Knoten, Kunst, Begegnung

Die gut besuchte Vernissage der Ausstellung «WOHIN – WOHER – WOMIT» im Kunst(Zeug)Haus , Rapperswil-Jona
Die gut besuchte Vernissage der Ausstellung «WOHIN – WOHER – WOMIT» im Kunst(Zeug)Haus , Rapperswil-Jona Bild: Markus Arnitz, Linth24
Die Ausstellung «WOHIN – WOHER – WOMIT» im Kunst(Zeug)Haus setzt auf Dialog statt Distanz. An der Vernissage wurde deutlich: Hier entsteht mehr als nur eine Schau.

Das Frühlingswetter zeigte sich von seiner besten Seite – und passte damit zum Anspruch des Kunst(Zeug)Hauses in Rapperswil. Präsident Patrick Sommer begrüsste ein zahlreiches Publikum zu einer Ausstellung, die bewusst mehr sein will als eine klassische Sammlungsschau. Kurator Florian Hürlimann machte gleich zu Beginn klar, worum es geht: Kultur sei, in Anlehnung an den Kulturwissenschaftler Thomas Macho, ein gemeinsames Projekt gegen das Vergessen. Museen hätten heute die Aufgabe, nicht nur Werke zu bewahren, sondern Begegnungen zu ermöglichen.

Mit über 6500 Arbeiten sei die Sammlung Bosshard ein bedeutendes Stück Schweizer Kunstgeschichte. Doch entscheidend sei nicht, was an den Wänden hängt, sondern was zwischen den Menschen passiert.

  • Florian Hürlimann, Kurator Kunst(Zeug)Haus Rapperswil-Jona Bild: Markus Arnitz, Linth24
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  • Vernissage der Ausstellung Ausstellung «WOHIN – WOHER – WOMIT» im Kunst(Zeug)Haus Bild: Markus Arnitz, Linth24
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  • v.l. Dr. Patrick Sommer, Präsident Stiftung Kunst(Zeug)Haus; Céline Gaillard, Co-Direktorin Bild: Markus Arnitz, Linth24
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  • v.l. Simone Kobler, Co-Direktorin Kunst(Zeug)Haus; Johannes Kunz, Stadtrat Rapperswil-Jona Bild: Markus Arnitz, Linth24
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  • Vernissage der Ausstellung Ausstellung «WOHIN – WOHER – WOMIT» im Kunst(Zeug)Haus Bild: Markus Arnitz, Linth24
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  • Im Publikum: Laura Verbeke, Leiterin Fachstelle Kultur, Rapperswil-Jona Bild: Markus Arnitz, Linth24
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  • Im Publikum: v.l. Kevin Mikes; Flora Frommelt; Kunstschaffende Bild: Markus Arnitz, Linth24
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  • Im Publikum: Sibylle Eiberle, Atelier Living Museum Rapperswil Bild: Markus Arnitz, Linth24
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  • Im Publikum: Joe Keller, alt Gemeindepräsident Jona, alt Regierungsrat SG Bild: Markus Arnitz, Linth24
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Ausstellung als Gemeinschaftswerk

Tatsächlich wurde «WOHIN – WOHER – WOMIT» nicht im stillen Kämmerlein entwickelt. Sechs Teams aus der Region arbeiteten seit Monaten gemeinsam an der Ausstellung. Ausgangspunkt war die Lithografie-Serie «Wohin – Woher» von Lis Kocher. Daraus entwickelten sich zentrale Fragen: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und womit bestreite ich mein Leben? Die Antworten darauf sind so vielfältig wie die beteiligten Menschen selbst. Metallarbeiten, Textilien, Postkarten und Installationen treten in einen Dialog mit persönlichen Geschichten. Das Resultat wirkt lebendig, manchmal überraschend, oft berührend. 

Der Quipu als Brücke

Besonders eindrücklich war der Beitrag von IntegrArte. Ruth Pilotto führte in ihrer Rede das Konzept des Quipu ein – ein Knotensystem aus den Anden, das Erinnerung nicht schreibt, sondern knüpft. In der Installation wird dieses Prinzip in die Gegenwart übertragen: Farben stehen für Herkunft und Alltag, Knoten für Lebensstationen, Verflechtungen für Begegnung. Ruth Pilotto lud das Publikum ausdrücklich ein, diese «kollektive Landkarte» in der Ausstellung zu berühren und damit buchstäblich Teil der Erzählung zu werden.

  • Ruth Pilotto, Gründerin von IntergrArte Bild: Markus Arnitz, Linth24
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  • Ruth Pilotto, Florian Hürlimann Bild: Markus Arnitz, Linth24
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  • Olena Shliundt (r.) Industriedesignerin, Ukraine, mit Übersetzerin Bild: Markus Arnitz, Linth24
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  • Fadime Çetinkaya (r.) und Çağdaş Açığ (l.), Kurdischer Kulturverein Rapperswil-Jona Bild: Markus Arnitz, Linth24
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  • Helen Zimmermann, Regionalgruppe Zürich des Schweizerischen Blindenbundes Bild: Markus Arnitz, Linth24
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  • Antje Rövekamp, Kupferdruckerin und Therapeutin (IPTh), Kunstfabrik Wetzikon. Bild: Markus Arnitz, Linth24
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  • v.l. Peter Röllin, Dr. phil. Kultur- und Kunstwissenschaftler, Rapperswil-Jona; Chrigel Bosshard, Stiftungsrat Kunst(Zeug)Haus Bild: Markus Arnitz, Linth24
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  • Mitmach-Wand im Foyer, wo persönliche Lebenswege miteinander verknüpft werden. Bild: Markus Arnitz, Linth24
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  • Vernissage, Apéro Bild: Markus Arnitz, Linth24
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  • Vernissage, Apéro Bild: Markus Arnitz, Linth24
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Stimmen aus Herkunft

Die Ausstellung erhielt zusätzliche Tiefe durch Perspektiven, die biografisch und kulturell stark geprägt sind. Die Industriedesignerin Olena Shliundt aus der Ukraine sprach in ihrer Rede von einer Realität, in der Heimat kein stabiler Begriff mehr sei. Design, so ihre Haltung, könne in solchen Zeiten ein Versuch sein, Ordnung in das Ungeordnete zu bringen. Ihre Sicht auf die Werke war geprägt von der Erfahrung von Wandel und Brüchigkeit und gleichzeitig von der Suche nach Form, die Halt gibt, ohne zu erstarren.

Auch der Kurdische Kulturverein Rapperswil-Jona, vertreten durch Fadime Çetinkaya und Çağdaş Açığ, brachte eine klare Perspektive ein. Ihr Beitrag kreiste um Fragen von Sprache, Erinnerung und kultureller Sichtbarkeit. Kunst wurde dabei als Raum beschrieben, in dem Geschichten weitergegeben werden können, die sonst keinen festen Ort haben. Zwischen Herkunft und Gegenwart entstand so ein Spannungsfeld, das die Ausstellung sichtbar erweitert.

Sehen mit anderen Sinnen

Einen weiteren wichtigen Akzent setzte Helen Zimmermann von der Regionalgruppe Zürich des Schweizerischen Blindenbundes. Ihre Perspektive verschob den Blick auf das grundlegend Sinnliche der Ausstellung. Für sie war entscheidend, dass Kunst nicht nur visuell gedacht wird. Materialien, Strukturen und taktile Elemente eröffneten Zugänge, die jenseits des Sehens funktionieren. Der Anspruch, Kunst erfahrbar zu machen, wurde hier sehr konkret. Nicht als Zusatz, sondern als gleichwertige Form der Wahrnehmung. Gerade in diesem Beitrag wurde deutlich, wie konsequent die Ausstellung ihre eigenen Grenzen erweitert.

  • Quipu ein – ein Knotensystem aus den Anden, das Erinnerung nicht schreibt, sondern knüpft. Bild: Markus Arnitz, Linth24
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  • Ausstellung im Kunst(Zeug)Haus. Bild: Markus Arnitz, Linth24
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  • Teilstücke und Einblicke in die Ausstellung. Für die Sicht auf das Ganze lohnt sich ein Besuch im Kunst(Zeug)Haus. Bild: Markus Arnitz, Linth24
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  • Teilstücke und Einblicke in die Ausstellung. Für die Sicht auf das Ganze lohnt sich ein Besuch im Kunst(Zeug)Haus. Bild: Markus Arnitz, Linth24
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  • Teilstücke und Einblicke in die Ausstellung. Für die Sicht auf das Ganze lohnt sich ein Besuch im Kunst(Zeug)Haus. Bild: Markus Arnitz, Linth24
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  • Teilstücke und Einblicke in die Ausstellung. Für die Sicht auf das Ganze lohnt sich ein Besuch im Kunst(Zeug)Haus. Bild: Markus Arnitz, Linth24
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  • Teilstücke und Einblicke in die Ausstellung. Für die Sicht auf das Ganze lohnt sich ein Besuch im Kunst(Zeug)Haus. Bild: Markus Arnitz, Linth24
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  • Ausstellung im Kunst(Zeug)Haus. Bild: Markus Arnitz, Linth24
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Kunst als gemeinsamer Raum

Florian Hürlimann sprach vom Museum als «drittem Ort». Einem Raum zwischen Alltag und Rückzug. Die Ausstellung erfüllt diesen Anspruch sichtbar. Sie ist kein abgeschlossener Gedanke, sondern ein offenes Geflecht aus Stimmen, Materialien und Erfahrungen. Die Vielfalt der Perspektiven von Ukraine über kurdische Diaspora, taktiler Sprache bis hin zu Fragen der Wahrnehmung macht deutlich, dass diese Schau nicht Einheit sucht, sondern Verbindung. Oder anders gesagt: Hier wird nicht erklärt, sondern verhandelt. Und genau darin liegt Stärke der Ausstellung.

Kunst(Zeug)Haus, Rapperswil-Jona
Link: Ausstellung wohin – woher – womit
26. April 2026 bis 4. April 2027

Markus Arnitz, Linth24
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