Dr. Gut: «Eine kleine Rede zum 1. August»
- Kolumne von Dr. Philipp Gut
Das Käppi von Bundespräsident Guy Parmelin an der Fussball-WM traf einen Nerv: «Switzerland, Great Since 1291».
Es lohnt sich, sich dazu rund um den 1. August, den Nationalfeiertag Schweiz, ein paar Gedanken dazu machen.
Absage an Grossmachtstreben
«Great» heisst nicht einfach nur gross, sondern grossartig. Im Falle der Eidgenossenschaft gilt das ganz speziell: Es gehört zu ihrem historischen Erfolgsmodell, dass sie gerade nicht gross sein will im Sinne eines Grossmachtstrebens.
Dass sie – auch das musste sie zuerst in Marignano blutig lernen – nicht mitmacht beim kriegerischen Rallye um Macht und Vormacht.
Stärken des Kleinstaats
Nein, die Schweiz besann sich früh auf ihre Stärken als Kleinstaat.
Gleichzeitig ergänzte sie die machtpolitische Bescheidenheit mit grosser wirtschaftlicher Offenheit und einem weltumspannenden Handelssinn, der aber wiederum nicht auf billige Masse setzt, sondern auf Erfindungsgeist, Innovation, Qualität und Präzision.
Schlau, klug, altruistisch
Zur DNA dieses Erfolgsmodells und Sonderfalls zählt die immerwährende, bewaffnete und integrale Neutralität.
Sie ist die genaue Entsprechung jenes Zurücknehmens, jener Selbstbescheidung, jener Antithese zu den gierigen Grossmächten.
Schlau, klug, ja. Aber kein Ego-Projekt, wie das ihre Gegner insinuieren, sondern die Basis auch für die humanitäre Tradition, für Frieden, Vermittlung, Gute Dienste in der ganzen Welt.
Multikuli avant la lettre
Gleichzeitig ist die Neutralität auch eine Klammer, die die verschiedenen Landesteile, Sprachen, Kulturen der Schweiz zusammenhält.
Multikulti avant la lettre – nicht als Selbstbedienungsladen und Beliebigkeitskult, sondern verknüpft mit Rechte, Pflichten, staatsbürgerlicher Verantwortung.
Der Bürger ist der Chef
Dieselbe Logik einer Machtumkehr bestimmt auch das politische System und die politischen Institutionen der Schweiz.
Hier ist der Bürger der Chef. Die direkte Demokratie ist permanente Machtkorrektur, institutionalisiertes Misstrauen gegen «die da oben».
Föderalismus bricht Zentralgewalt
Der Föderalismus bricht die Zentralgewalt und bringt die Entscheidungen dorthin, wo sie anstehen, wo es einen betrifft, wo man die Übersicht hat: ins Kantonale, Lokale.
Das wussten schon die alten Griechen in ihrer Polis, die die Demokratie erfunden haben. Und das wussten die alten Eidgenossen an ihren Landsgemeinden, wo sie ihre je eigenen, ureigenen Angelegenheiten regelten.
Das schöne Ideal
Ja, die Schweiz ist grossartig, aber nicht gross. Und sie ist deshalb grossartig, weil sie nicht gross ist und nicht gross sein will.
All dies ist richtig, ist das schöne Ideal.
Despotisch aufgeblasene Versuchungen
Ich weiss aber natürlich auch, dass dieses Ideal der Schweiz akut gefährdet ist.
Das Grossmachtstreben, das Anschlussdenken, das Mitmachen- und Dazugehören-Wollen, das moralisierende Richter-Spielen und die Volksverachtung, der Machtmissbrauch durch Politiker und Beamte, die ihre Dienerrolle vergessen und sich despotisch aufblasen, sind Versuchungen, die die politische Elite und Teile der Bevölkerung erfasst haben. Das Risiko ist real, dass die Schweizer vergessen, wer sie sind und wozu die Schweiz gut ist.
Man kann es in einem Satz sagen: Die Schweiz muss freier sein als ihre Nachbarn, sondern macht sie sich überflüssig.
Dr. Philipp Gut schreibt auf dem Online-Verbund von Portal24 regelmässig eine Kolumne. Philipp Gut ist Buchautor und einer der profiliertesten Journalisten der Schweiz. Mit seiner Kommunikationsagentur Gut Communications GmbH berät er Parteien, Verbände, Unternehmen und Private.