«Aida» begeistert auch ohne Klosterhof-Magie
Natürlich ist es ein Einschnitt, wenn die Festspieloper nicht wie gewohnt auf dem Klosterhof stattfinden kann. Die monumentale Kulisse zwischen Kathedrale und Stiftsbezirk gehört zur DNA der St.Galler Festspiele.
Heuer im Grossen Haus statt
Was zunächst wie ein Verlust wirkt, erwies sich am Premierenabend als Chance: Verdis Werk gewann im Theater an Konzentration, psychologischer Schärfe und musikalischer Unmittelbarkeit.
Regisseur und Bühnenbildner Ben Baur setzte weniger auf ägyptisierende Schauwerte als auf die Mechanismen von Macht, Krieg und politischer Erstarrung.
Das tat der Oper gut. Denn «Aida» ist mehz als Triumphmarsch und grosse Chorszenen. Im Zentrum stehen Menschen, die zwischen Liebe, Loyalität, Pflicht und staatlicher Gewalt zerrieben werden. Gerade diese innere Spannung wurde auf der Bühne eindringlich sichtbar.
Musikalisch grosses Kino
Unter der Leitung von Modestas Pitrenas, der sich mit diesem Herzensprojekt als Chefdirigent von Konzert und Theater St.Gallen verabschiedet, entfaltete Verdis Partitur ihre ganze Spannweite: vom machtvollen, repräsentativen Klang bis zu den leisen, verletzlichen Momenten der Einsamkeit und Sehnsucht.
Chor, Orchester und Solisten formten daraus einen Opernabend von grosser Geschlossenheit.
Hauptrollen überzeugten
Amber R. Monroe gab der Aida Würde, Verletzlichkeit und innere Glut. Marcelo Puente gestaltete Radamès mit tenoraler Strahlkraft und glaubhafter Zerrissenheit. Libby Sokolowski zeichnete Amneris nicht als blosse Rivalin, sondern als machtbewusste, verletzte und tragische Figur.
Vincenzo Neri verlieh Amonasro Autorität und dramatisches Gewicht. Jonas Jud als König und Sultonbek Abdurakhimov als Ramfis ergänzten das Ensemble mit markanter Präsenz; Olivia Smith als Hohepriesterin und Riccardo Botta als Bote setzten weitere prägnante Akzente.
Begeisterung und Standing Ovation
Dass die Vorstellung ausverkauft war, zeigt zudem, dass die St.Galler Festspiele auch im eigenen Haus Strahlkraft besitzen. Der Theaterplatz mit kulinarischem und künstlerischem Vorprogramm sorgte zusätzlich für jene sommerliche Festspielstimmung, die man in St.Gallen inzwischen mit Recht erwartet.
So bleibt als Fazit: Der Klosterhof fehlt ein bisschen, aber «Aida» funktioniert auch im Grossen Haus. Mehr noch: Diese Produktion beweist, dass die Festspiele nicht allein von ihrer spektakulären Kulisse leben, sondern von künstlerischer Qualität. Und davon bot diese Premiere reichlich.
Die St.Galler Festspiele 2026 laufen noch bis am 4. Juli