«La clemenza di Tito» im Opernhaus entzieht sich konsequent jeder eindeutigen Verortung. Was als Interpretation von Wolfgang Amadeus Mozarts Spätwerk beginnt, erweist sich als vielschichtiges Spiel mit Opernkonventionen und als Abend, der vom ersten Takt an elektrisiert. Anders als so oft liess sich das Publikum hier nicht erst gewinnen, denn schon zu Beginn entluden sich Begeisterungsstürme, die den weiteren Verlauf spürbar prägten.
Maxime der Entscheidung
Dieser Inszenierung liegt eine klare Maxime zugrunde: Handle, bevor es zu spät ist! Regisseur Damiano Michieletto liest das Werk als ein Drama der verpassten und ergriffenen Momente, als ein Geflecht aus Entscheidungen, die zu spät kommen oder gerade noch rechtzeitig fallen. In diesem Spannungsfeld entfaltet sich die eigentliche Kraft der «Clemenza»: nicht als reine Gnade, sondern als politische Tugend und als ein bewusster Akt der Selbstüberwindung. Milde erscheint nicht als Schwachheit, sondern als höchste Form von Stärke und als Gegenentwurf zu Machtmissbrauch und Vergeltung.
Überzeichnung mit Präzision
Michieletto setzt dabei auf eine Ästhetik der bewussten Überzeichnung, ohne je ins Beliebige abzugleiten. Seine Figuren wirken wie Zitate ihrer selbst, gefangen zwischen historischer Pose und gegenwärtiger Verunsicherung. Dass dieses fragile Gleichgewicht trägt, ist nicht zuletzt der dramaturgischen Präzision von Kathrin Brunner zu verdanken.
Bühnenraum als Kommentar
Besondere Erwähnung verdient das Bühnenbild von Paolo Fantin: Es schafft Räume, die zugleich monumental und durchlässig wirken. Verschiebbare Strukturen, klare Linien und eine fast kühle Materialität eröffnen immer neue Perspektiven auf das Geschehen, ohne es je zu erdrücken. Fantin gelingt damit mehr als blosse Illustration. Sein Bühnenraum wird zum eigenständigen Kommentar, der die psychologischen Spannungen sichtbar macht und die ironischen Brechungen der Inszenierung subtil verstärkt.