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Kultur
27.04.2026
27.04.2026 20:43 Uhr

«La clemenza di Tito» im Opernhaus: Milde im grellen Licht

Pene Pati in der Rolle des Tito.
Pene Pati in der Rolle des Tito. Bild: Credit: Opernhaus/ Toni Suter
Ein ganzheitlicher und stimmiger Premierenabend, der keine Anlaufzeit brauchte, denn er riss sein Publikum von Beginn an mit und beschloss ihn mit frenetischem Applaus. Von Ursula Litmanowitsch

«La clemenza di Tito» im Opernhaus entzieht sich konsequent jeder eindeutigen Verortung. Was als Interpretation von Wolfgang Amadeus Mozarts Spätwerk beginnt, erweist sich als vielschichtiges Spiel mit Opernkonventionen und als Abend, der vom ersten Takt an elektrisiert. Anders als so oft liess sich das Publikum hier nicht erst gewinnen, denn schon zu Beginn entluden sich Begeisterungsstürme, die den weiteren Verlauf spürbar prägten.

Maxime der Entscheidung

Dieser Inszenierung liegt eine klare Maxime zugrunde: Handle, bevor es zu spät ist! Regisseur Damiano Michieletto liest das Werk als ein Drama der verpassten und ergriffenen Momente, als ein Geflecht aus Entscheidungen, die zu spät kommen oder gerade noch rechtzeitig fallen. In diesem Spannungsfeld entfaltet sich die eigentliche Kraft der «Clemenza»: nicht als reine Gnade, sondern als politische Tugend und als ein bewusster Akt der Selbstüberwindung. Milde erscheint nicht als Schwachheit, sondern als höchste Form von Stärke und als Gegenentwurf zu Machtmissbrauch und Vergeltung.

Überzeichnung mit Präzision

Michieletto setzt dabei auf eine Ästhetik der bewussten Überzeichnung, ohne je ins Beliebige abzugleiten. Seine Figuren wirken wie Zitate ihrer selbst, gefangen zwischen historischer Pose und gegenwärtiger Verunsicherung. Dass dieses fragile Gleichgewicht trägt, ist nicht zuletzt der dramaturgischen Präzision von Kathrin Brunner zu verdanken.

Bühnenraum als Kommentar

Besondere Erwähnung verdient das Bühnenbild von Paolo Fantin: Es schafft Räume, die zugleich monumental und durchlässig wirken. Verschiebbare Strukturen, klare Linien und eine fast kühle Materialität eröffnen immer neue Perspektiven auf das Geschehen, ohne es je zu erdrücken. Fantin gelingt damit mehr als blosse Illustration. Sein Bühnenraum wird zum eigenständigen Kommentar, der die psychologischen Spannungen sichtbar macht und die ironischen Brechungen der Inszenierung subtil verstärkt.

  • Lea Desandre in der Rolle des Sesto. Bild: Credit: Opernhaus/ Toni Suter
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  • Das Ensemble im Bühnenbild von Paolo Fantin und Kostümen von Klaus Bruns. Bild: Credit: Opernhaus/ Toni Suter
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Musikalische Erdung

Am Pult sorgt Marc Minkowski mit dem Orchestra La Scintilla für die musikalische Erdung. Der Klang ist transparent, beweglich und von einer Eleganz, die Pathos bewusst vermeidet. Minkowski modelliert die Partitur mit feinem Gespür für Kontraste; Hammerklavier, Solo–Klarinette oder Horn setzen pointierte Akzente.

Verletzlicher Tito

Im Zentrum steht Pene Pati als Tito, der die Titelpartie nicht als heroische Pose, sondern als tastende, beinahe verletzliche Figur anlegt. Für Pati war es Rollendebut sowie Debüt am Opernhaus zugleich. Margaux Poguet, ebenfalls ihr Debüt am Opernhaus, gestaltet eine vielschichtige Vitellia zwischen Ehrgeiz und Fragilität.

Oper der Gefühle

Denn diese Oper ist eine Oper der ganz grossen Gefühle: Es geht um Freundschaft und Verrat, um Niedertracht und Charaktergrösse, um Hörigkeit und Seelenstärke. Genau darin entfaltet sich die zeitlose Wucht dieser Mozartoper, nicht als historisches Drama, sondern als Studie menschlicher Extremsituationen.

Wendepunkt mit Sesto

Der eigentliche Wendepunkt gehört jedoch Lea Desandre als Sesto. Ihre grosse Arie im ersten Akt wird zum Moment ungebrochener Intensität und Dichte – getragen von einem geschmeidigen Mezzo, feinen dynamischen Abstufungen und einer starken Bühnenpräsenz. Der darauffolgende, nahezu eruptive Applaus fügt sich nahtlos in die ohnehin von Beginn an enthusiastischen Publikumsreaktionen ein.

Stiller Gegenpol

Nicht minder eindrücklich gelingt Yewon Han als Servilia ihre Arie «S'altro che lacrime». Mit klarem, leuchtendem Sopran und einer berührenden Schlichtheit formt sie diesen Moment zu einem stillen Gegenpol im dramatischen Gefüge. Ohne jede Übertreibung entfaltet sich hier eine Innigkeit, die gerade durch ihre Zurücknahme besticht und einen musikalischen Augenblick von grosser Reinheit beschert.

Geschlossenes Ensemble

Auch das Ensemble überzeugt geschlossen: Siena Licht Miller (Annio) und Andrew Moore (Publio) setzen klare vokale Akzente. Der Chor der Oper Zürich, einstudiert von Ernst Raffelsberger, bleibt homogen und präsent.

Präzision statt Provokation

Insgesamt erweist sich diese Zürcher «Clemenza» als ein Abend, der weniger durch Provokation als durch Präzision wirkt – und gerade dadurch nachhaltig beeindruckt. Eine Oper, die zeigt, dass Grösse nicht im Triumph liegt, sondern im Verzicht – und dass die Entscheidung zur Milde vielleicht die radikalste Handlung von allen ist.

 

Opernhaus Zürich «La clemenza di Tito» von Wolfgang Amadeus Mozart
Weitere Vorstellungen am 29. April sowie am 3., 8., 15., 17., 20., 25. Mai.
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Vorstellungen und Tickets

Ursula Litmanowitsch
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