«KI ist gefährlicher als alle Atombomben»
Rolf Knie ist bestens gelaunt. Zum Interview erscheint er mit zwei Bratwürsten und einem Schüblig von der Joner Metzgerei Brönimann und bittet seine Assistentin Brigitte Neeer um drei Teller und Besteck. Fein säuberlich verteilt er das Fleisch, legt einen Papiersack mit drei Bürli auf den Tisch und holt Senf aus dem Kühlschrank. «Wir sind ja hier nicht in St. Gallen», sagt er und lacht.
Knie ist in Fahrt
Das Gespräch findet am grossen Tisch in seiner Galerie an der Rütistrasse in Rapperswil-Jona statt – einem Tisch, an dem eine ganze Fussballmannschaft Platz hätte. Unter der Glasplatte liegen Fotos und Zeitungsartikel aus dem Leben des 76-jährigen Universalkünstlers. Knie ist in Fahrt. Und er hat einiges zu sagen.
Rolf Knie, heute ist der 24. Januar. Wie viele Neujahrsvorsätze haben Sie schon gebrochen?
Keine. Ich habe keine Vorsätze. Ich muss nicht auf den 1. Januar warten. Ich kann mir jeden Abend im Spiegel sagen: Bin ich mir treu geblieben? Bin ich gegen den Strom geschwommen? Am 10. Januar haben die meisten ihre Vorsätze sowieso vergessen.
Gegen den Strom schwimmen – ist das heute Pflicht?
Ja. Weil die Meinungsfreiheit praktisch kaputt ist. Alles ist Mainstream. Wenn Sie querdenken, gibt’s sofort einen Shitstorm. Aber genau deshalb muss man es tun. Wer der Herde folgt, sieht nur das Hinterteil der Mitmenschen.
Ihre Bilder sind harmonisch, schön, ästhetisch. Ist das nicht ein Widerspruch?
Überhaupt nicht. In der deutschen Kunstszene heisst es ja teilweise: Kunst muss hässlich sein. Entschuldigung – Kunst kommt auch von Können. Die Leute haben das Negative satt. Sie wollen etwas Positives, etwas, das sie anspricht.
Wie würden Sie künstlerische Tiefe beschreiben?
Was ist Tiefe? Tiefe ist, wenn etwas jemanden berührt. Fertig. Wenn ein Bild jemanden anspricht, hat es Tiefe – für diese Person. Ich zwinge niemandem meine Meinung auf. Im Gegensatz zu gewissen Teilen des Kunsthandels, die sagen: «Das musst du gut finden, sonst verstehst du es nicht.» Das ist arrogant.
Hadern Sie damit, dass kein Bild von Ihnen im Zürcher Kunsthaus hängt?
Überhaupt nicht. Picasso hatte zu Lebzeiten auch kein eigenes Museum. Ich hänge in Museen in Spanien und anderswo. Ich muss nicht neben Werken hängen, bei denen ich sage: Das ist ein Gag, keine Kunst.
Themawechsel. Die Weltlage ist angespannt. FIFA-Präsident Gianni Infantino inszeniert sich als Friedensapostel. Ihre Meinung?
Das ist einfach dumm. Er ist ein Machtmensch, der der FIFA schadet. Und was mich erstaunt: Dass keiner der über 200 Verbände aufsteht und sagt: «Stopp.» Aber wir leben in einer geldregierten Welt.
Die FIFA vergibt einen Friedenspreis – an Donald Trump.
Damit hat sich die FIFA komplett disqualifiziert. Die ganze Welt hat darüber gelacht. Alle Politiker haben den gleichen Himmel, aber nicht den gleichen Horizont. Mehr muss man dazu nicht sagen.
Trump als unfreiwilliger Komiker?
Nein. Das ist tragisch. Und als ehemaliger Komiker sage ich Ihnen: Komiker ist ein ehrenwerter Beruf. Das hier ist etwas anderes. Je mehr Blödsinn jemand erzählt, desto mehr erscheint es in den Medien.
Am WEF wird von künstlicher Intelligenz geschwärmt. Sie sind alarmiert.
Die Menschheit hat noch gar nicht begriffen, was auf uns zukommt. KI ist gefährlicher als alle Atombomben zusammen. Sie wird missbraucht werden, garantiert.
Weshalb diese Radikalität?
Pulver war auch mal eine gute Erfindung. Schauen Sie, was daraus geworden ist. Einstein hat schon gesagt: In dem Moment, in dem die künstliche Intelligenz die menschliche überholt, züchten wir eine Generation von Idioten. Genau dort sind wir auf dem Weg hin.
Nutzen Sie selber künstliche Intelligenz?
Gar nicht. In den Schulen sollte man den Kindern beibringen, ihre eigene Intelligenz zu nutzen. Bald schreibt niemand mehr selber, rechnet niemand mehr selber. Man drückt einen Knopf – und verblödet.
Man sagt, KI bringe Freiheit und weniger Arbeit.
Unsinn. Ich liebe Arbeit. Jeden Morgen ein Projekt beginnen, Probleme lösen – das ist wie Sport. Je schwieriger, desto besser. Arbeit im Team, face to face. Nicht Homeoffice, nicht virtuell. Dieses Digitale ist mit ein Grund, warum wir so tief drinstecken.
Sie arbeiten eng mit Ihrem Sohn Gregory zusammen. Funktioniert das?
Familienarbeit ist immer schwierig. Aber wir ergänzen uns gut. Er ist stark bei Computer, Planung, Marketing. Ich bringe andere Ideen. Keine Profilneurosen – wir fragen uns immer: Was ist das Beste für das Projekt?
Zum Schluss: Sie schauen keine Nachrichten mehr. Weshalb?
Weil es mir ohne Nachrichten besser geht. News machen wütend oder gleichgültig. Der Mensch ist so sehr auf Pessimismus trainiert, dass er ohne ihn nicht leben kann. Das ist sehr schade; denn das Leben ist wunderbar!